Altnordisches morphologisches Wörterbuch und altnordisches rückläufiges Wörterbuch. Interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Historischen Sprachwissenschaft

 
 
Ziel des Projektes ist es, der linguistisch orientierten Altgermanistik und Altskandinavistik bislang fehlende Hilfsmittel vorzulegen, mit denen, nach Zeitstufen innerhalb der Periode vom 12. bis zum 15. Jahrhundert gestaffelt, die Wortbildungsprinzipien des Altnordischen, der lingua franca des Ostseeraums vor der Hansezeit, eingehend studiert werden können.
 
Dafür muss ein umfassendes Wörterbuch über den gesamten in den verschiedenen Wörterbüchern dokumentierten Wortschatz des Altisländischen und Altnorwegischen zusammengestellt werden. Zwar überschneiden sich die Lemmata (Stichwörter) der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vorliegenden großen Wörterbücher in weiten Teilen, es gibt aber auch einen nicht unbeträchtlichen Randbereich, der offenbar nur wenig belegt bzw. von den Lexikographen seltener erfasst ist. Solcher (oft terminologischer) Wortschatz findet sich etwa in Rechtstexten, in theologischen oder medizinischen Traktaten usw., daneben gibt es auch gattungsspezifischen Wortschatz, der etwa auf die Dichtung beschränkt ist.
 
Ein Problem bei dieser Zusammenstellung ist sowohl die graphische als auch die grammatische Vergleichbarkeit der Lemmata, denn weder besteht eine allen Wörterbüchern gemeinsame zeitlich und/oder räumlich fixierte Normale, noch ist man sich bei der Zuordnung einzelner Lemmata zur selben Wortklasse in allen Fällen einig. Diese Normale über alle Einträge der Datenbank musste erst festgelegt werden. Als weitere Inkonsistenz fällt bei Kompo­sita auf, dass man in verschiedenen Wörterbüchern von unterschiedlichen Fugenelementen, Stammbildungen oder Kasus der Vorderglieder ausgeht. Ein Sonderproblem sind Namen, die oft eigenen Gesetzmäßigkeiten zu folgen scheinen und eine sonst ungebräuch­liche Allomorphie aufweisen. Insgesamt ergibt sich so eine Datenmenge von mehr als 300.000 Einträgen, zu deren Bewältigung rechnergestützte, halbautomatische Verfahren eingesetzt werden.
 
Die Aufgliederung nach Morphemen, lexikalischen und flexivischen Bildungselementen, wird nicht nur auf der altnordischen Oberfläche durchgeführt, sondern mit entsprechenden Codierungen werden auch ältere, später nicht mehr produktive oder erkannte Bildungselemente gekennzeichnet. Dazu sind umfangreiche Recherchen in etymologischen Wörterbüchern nötig, die zum Teil maschinenlesbar für die Bearbeitung zur Verfügung stehen.
 
Berücksichtigung finden die großen voneinander unabhängigen Standardwörterbücher des Altnordischen (unter anderem Richard Cleasby / Gudbrand Vigfusson, An Icelandic-English Dictionary, Oxford 1869-1874; Leiv Heggstad / Finn Hødnebø / Erik Simensen, Norrøn ordbok, Oslo 1975; Walter Baetke, Wörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur, Berlin 1965-1968).
 
Für die tiefergehende Morphemaufgliederung von Relevanz sind die einschlägigen Etymologika (zum Beispiel Ásgeir Blöndal Magnússon, Íslensk orðsifjabók; Reykjavík 1989; Frank Heidermanns, Etymologisches Wörterbuch der germanischen Primäradjektive. Berlin 1993; Jan de Vries, Altnordisches etymologisches Wörterbuch, Leiden ²1962).
 
Verschiedene Aspekte des Projektes wurden im Rahmen einer Tagung zu Problemen der Morphologie in den altgermanischen, baltischen und ostseefinnischen Sprachen im September 2005 dargestellt. Die Beiträge erschienen 2007 als Supplement Bd. 23 der Zeitschrift NOWELE in Odense. 
 
Projektleitung: Prof. Dr. Hans Fix-Bonner (Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald)
 
Projektlaufzeit: 2004 bis 2007
 
 
 
Weitere Informationen und Artikel zum Download:

 Informationsflyer des Projektes

 Informationen zur morphologischen Aufbereitung des Wortmaterials und zur Genese des Greifswalder altisländischen Wortschatzes
 
Artikel über "Algorithmische Sprachwissenschaft" (Vorabdruck)

Artikel über "Altwestnordische Lexikographie" (Vorabdruck)
 
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