Was Kurkow „Zookomplex“ nennt – passiv sein und auf Nahrung warten; man sitzt im Käfig und zeigt keine Initiative – könnte man als eine Diagnose der post-sowjetischen Gesellschaft in der Ukraine und Russland verstehen. Die Sowjetunion war nicht nur wie einst das russische Zarenreich der Kerker der Völker gewesen, sondern auch ein Versuchslabor und großer Zoo, der mit der menschlichen Spezies experimentiert hatte und sie nun aus den Käfigen entließ. Dieser Vorgang mit allen seinen Widersprüchen liefert Geschichten, phantastisch, grotesk, anrührend, komisch, mit Klischees beladen, mit zuweilen naiven, einsamen, traurigen Helden, die wahnwitzigen Vorstellungen hinterher jagen.
Dabei strahlen Kurkows Romane und Erzählungen eine persönliche Wärme aus, die, wie es in der NZZ heißt, den Leser zu einer gemeinsamen Erfahrung einlädt, die manchmal makaber, aber nie boshaft ist. So zum Beispiel im überaus erfolgreichen Pinguin-Roman „Picknick auf dem Eis“, der dem Autor international den Durchbruch brachte. Ihr Held Viktor, ein erfolgloser Schriftsteller wird von einer großen Tageszeitung angestellt, Nachrufe auf Prominente zu schreiben – auf Prominente, die noch quicklebendig sind. Viktor muss aber nicht lange warten, um seine „Werke“, eines nach dem anderen, endlich gedruckt zu sehen. Die VIPs sterben plötzlich wie die Fliegen... Die Mafia und ihre Mörder, Nekrologe und Nonsens – dieser und andere Romane und Erzählungen beschreiben den Zustand der postsowjetischen Gesellschaft spannend, satirisch und gesellschaftskritisch, spielen mit sowjetischen und nationalen Stereotypen und Mythen sowie mit verschiedenen literarischen Genres.
Auch der Erzählband „Herbstfeuer“ ist ein spannendes und unterhaltsames Spiel mit den Genres der Abenteuer-, Kriminal, gesellschaftskritischen und phantastischen Prosa. In den Geschichten wird dabei eine ganze Galerie schräger Individuen präsentiert, die Ironie und schwarzer Humor auszeichnen und sich in bizarren Situationen zurecht finden müssen. Zum Beispiel eine Oma, die aus Versehen ihren Mann erschlägt und nun zusammen mit dem Herbstlaub verbrennt, dann gibt es da noch Telefonzellen, in denen man Kontakt mit dem Jenseits aufnehmen kann oder Event-Tourismus in Kiewer Gefängnisse und sogar einen Klavierfriedhof.
Andrej Kurkow (*1961 in St. Petersburg) zog bereits als Kind mit seinen Eltern nach Kiew. Er absolvierte das Kiewer Fremdspracheninstitut. Nach dem Studium arbeitete er als Redakteur einer Ingenieurszeitschrift, es folgte der Militärdienst, den er als Wärter im Gefängnis von Odessa ableistete. Danach arbeitete er als Kameramann und begann zudem Drehbücher zu schreiben. Seit 1996 ist er freier Mitarbeiter bei Radio und Fernsehen und freier Schriftsteller. Er verfasste Romane und Erzählbände (von denen viele auch auf Deutsch erschienen sind), außerdem Kinderbücher. Seine Werke wurden in zahlreiche europäische Sprachen sowie das Türkische und Chinesische übersetzt. Er lebt in Kiew und London.
Der Eintritt ist frei.











