Über das eigentliche Arbeitsgebiet der Geschichte. Ernst Bernheim (1850-1942) und die zeitgenössische Geschichtswissenschaft in Europa

Öffentlicher Vortrag

Ernst Bernheim lehrte seit 1883 zunächst als a.o. Professor, seit 1889 als Lehrstuhlinhaber an der Greifswalder Universität Geschichte mit dem Schwerpunkt in der Geschichte des Mittelalters. 1899 wurde er zum Rektor der Universität berufen, sein wissenschaftliches und hochschulpädagogisches Engagement für eine Reform des Universitätsstudiums machten ihn zu einem anerkannten Hochschullehrer im Kaiserreich ebenso wie in der Weimarer Republik. Von besonderer Bedeutung war sein Lehrbuch der Geschichtswissenschaft, das seit 1889 in mehreren Auflagen erschien und in zahlreiche europäische Sprachen übersetzt wurde. Bernheim schrieb es im Zeichen eines wissenschaftspolitisch entscheidenden Umbruchs: der Aufstieg der Naturwissenschaften seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts bedeutete für die bis dahin dominierende Geschichtswissenschaft eine empfindliche Relativierung, ihre Rolle als Wertevermittler und Stifter nationaler Identität stand zur Disposition. Deshalb wurde gestritten „über das eigentliche Arbeitsgebiet der Geschichte“, politische Geschichte stand gegen die Kulturgeschichte. Damit verbunden waren Debatten über den Motor historischen Wandels, über die Rolle von Gesetzen in der Geschichte, die u. a. der zeitgenössische Marxismus ebenso wie der philosophische Positivismus postulierten. Mit seinen Veröffentlichungen hat sich Bernheim in dieser Debatte engagiert, die Frage nach dem Charakter historischer Forschung hat ihn Zeit seines Lebens beschäftigt.
Der Vortrag anlässlich des 170. Geburtstags Bernheims führt in diese Aspekte eines Gelehrtenlebens des 19./20. Jahrhunderts ein. Dies ist nicht nur eine Frage des antiquarischen Interesses, die Debatten über den Motor historischen Wandels und über die Rolle der Geschichts-/Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft sind bis heute aktuell.

Luise Schorn-Schütte war von 1993 bis 1998 Lehrstuhlinhaberin für neuere allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Frühen Neuzeit an der Universität Potsdam und von 1998 bis 2015 Lehrstuhlinhaberin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zwischen 2004 und 2010 war sie Vizepräsidentin der DFG und von 2004 bis 2014 Sprecherin des internationalen Graduiertenkollegs „Politische Kommunikation von der Antike bis ins 20. Jahrhundert“. Zu ihren jüngsten Publikationen zählen: Gottes Wort und Menschenherrschaft. Politisch-theologische Sprachen im Europa der Frühen Neuzeit, München 2015 und Die Reformation. Vorgeschichte, Verlauf, Wirkung, 7.Aufl. München 2017. 

Moderation: Professor em. Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann

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