Es wimmelt nur so von Tieren in mittelalterlichen Texten und Bildern. Sie dienen nicht nur der Dekoration, denn im Verhältnis zum Tier spiegelt sich der Mensch stets selbst. Die Grenzziehung zwischen Menschen und Tieren wird daher immer wieder produktiv in Frage gestellt: Häufig treten Wildtiere als Antagonisten auf, die auf der Jagd bezwungen, aber auch gezähmt und zu Gefährten werden können. Dieser machtvolle Gestus gegenüber einer als angsteinflößend empfundenen Natur war für das christliche Mittelalter sehr prägend und wirkt bis heute nach. Die Begegnungen mit dem Wild(en) erzählen aber auch von den Freiräumen, die sich daraus eröffnen können, und thematisieren Formen der Wildheit, die nicht im Wald zu finden sind, sondern den Menschen selbst innewohnen und ästhetisch fruchtbar gemacht werden können. Der Vortrag geht den vielfältigen Verbindungen von Tier und Mensch, Wildheit und Zähmung, Natur und Kultur in Legenden und höfischen Romanen des Mittelalters nach.
Julia Weitbrecht studierte Skandinavistik, Ältere deutsche Literatur und Sprache sowie Religionswissenschaft an der HU und FU Berlin. Von 2005–2012 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner SFB 644 „Transformationen der Antike“, danach folgten Tätigkeiten an der Universität Göttingen und der FU Berlin. Von 2014–2020 war sie Juniorprofessorin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und vertrat eine 2018/19 eine Professur an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit 2020 ist sie Professorin für Ältere deutsche Sprache und Literatur an der Universität zu Köln. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören religiöse Textkulturen und ihre Materialität (Legenden, Visionen, Legendensammlungen) sowie Mensch-Tier-Relationen in historischer Perspektive.
Moderation: Dr. Falk Quenstedt
