Programm
Freitag, 5. Juni 2026 | 14 Uhr bis 17.30 Uhr
PD Dr. Tilmann Beyrich (Pastor am Dom St. Nikolai, Greifswald)
Religion befördern heißt seit Schleiermacher, „Sinn und Geschmack für das Unendliche“ zu wecken. Genau das tut auch Bachs Musik. Sie will ihre HörerInnen ad infinitum führen. Und sicher war es um dieser Erfahrung willen, dass die Pflugbeils 1946 eine Bach-Woche ins Leben riefen: als Verweis auf eine andere Welt und jenen ewigen Frieden, den die Welt so vermisste. Besonders unter den Bedingungen der DDR hatte die Bachwoche auch immer diese kirchenpolitische Funktion, in einem kirchenfeindlichen Kontext „Geschmack für das Unendliche“ wachzuhalten. Und bis in die Gegenwart steht die Greifswalder Bachwoche nicht nur für Musikgenuss, sondern auch für eine besondere Erfahrung von Kirche und Verkündigung. Anhang der 80 Bachwochenprogrammhefte soll diese Verkündigung im Wandel der Zeiten nachgezeichnet werden.
Tilman Beyrich studierte Ev. Theologie und Philosophie in Greifswald, Tübingen und Paris. 1995-2008 arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Greifswald, ab 2008 als Pastor und Religionslehrer im Seebad Heringsdorf. Seit 2010 ist er Privatdozent für Systemtische Theologie an der Universität Greifswald und seit 2018 Dompastor an St. Nikolai Greifswald und Theologischer Beauftragter am Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifwald.
Georg Kallweit (Geiger/Urban Strings, Melzow/Uckermark)
Vor gut 100 Jahren wurde ein einzigartiges Manuskript wiederentdeckt: Heinrich Ignaz Franz von Bibers Mysteriensonaten. Sie gelten seitdem als einer der Höhepunkte der europäischen Barockmusik. Einzigartig sind die Sonaten in ihrer stringenten Struktur, dem Reichtum an Farben und Bildern und dem enormen Schwierigkeitsgrad für die Interpreten. Gemäß der Andacht eines katholischen Rosenkranzgebetes sind sie unterteilt in 5 freudenhafte, 5 schmerzhafte und 5 glorreiche Mysterien.
Mysteriös sind die Sonaten aber in vielerlei Hinsicht. Gab es Vorbilder oder Nachahmer für diese Art und Form der Musik. Für welchen Anlass und welchen Ort sind sie komponiert worden? Sind sie zu Lebzeiten Bibers überhaupt jemals erklungen. Wie wurde die Musik nach ihrer Entdeckung - immerhin in Zeiten der Romantik- von der Wissenschaft und der Musikwelt aufgenommen? Wie ist die heutige Rezeption?
Weiteres großes Thema: die Scordatur- also das taktische Verstimmen der Violinsaiten auf andere Intervalle. Diese in der barocken Zeit nicht unübliche Praxis treibt Biber auf eine einsame Spitze. Ist das nur Effekthascherei oder hat es einen tieferen Sinn? All diese Fragen sollen, auch anhand praktischer, musikalischer Beispiele erörtert werden.
Der Geiger Georg Kallweit wuchs in einer musisch geprägten Ärztefamilie in Greifswald auf. Nach dem Besuch der Spezialschule (C. Ph. E. Bach Gymnasium) in Berlin, studierte er dort an der „Hanns Eisler“-Musikhochschule. Neben seinem späteren Engagement beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin beschäftigte sich Georg Kallweit schon früh und intensiv mit Stilfragen vor- und frühklassischer Musik. Als Konzertmeister und Solist der Akademie für Alte Musik Berlin - und als Gast anderer renommierter Ensembles – auch „moderner“ Klangkörper, ist er heute gefragter Spezialist. Eine erfolgreiche Duopartnerschaft verbindet ihn im Ensemble Ombra e Luce mit dem Lautenisten Björn Colell. Es liegen über siebzig, mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnete CD-Einspielungen vor. Seine Konzerttätigkeit führte Georg Kallweit weltweit in die bedeutendsten Konzerthallen. Als Lehrbeauftragter und Leiter von Meisterklassen unterrichtet er an den Musikhochschulen in Leipzig, Weimar, Berlin, Rostock, Helsinki und St. Petersburg. Daneben ist er seit der Gründung Dozent des Jugendbarockorchesters „Bachs Erben“.
Dr. Christine Blanken (Musikwissenschaftlerin und Kirchenmusikerin, Bach-Archiv Leipzig)
Bachs Muttersprache ist der Choral – dies Phänomen ist ein Alleinstellungsmerkmal auch innerhalb seines sowieso schon außergewöhnlichen Schaffens. Choralmelodien werden kunstvoll eingewoben in Arien oder Rezitative als Zitate, Eingangschöre lassen sich in formaler Vielfalt in eine kontrapunktisches Geflecht einweben und vierstimmige Choralsätze schließen Figuralmusiksätze sentenzhaft ab. Gerade hier, im Schlusschoral sind die Choraltexte sozusagen handverlesen: zu bereits gedruckt vorliegenden Libretti setzt Bach mit einer enormen Liederkenntnis diese Strophen eigens hinzu. Und alle nur denkbaren Bearbeitungsformen finden sich in seinen Orgelchorälen.
Bachs Möglichkeiten in puncto Choral sind also kaum unendlicher zu denken. Er nimmt diese präexistenten Melodien, zu denen seine Hörerinnen und Hörer verschiedene Assoziationen haben können, sehr ernst; ernst, wie kein Zweiter, nichts ist Pflichtübung. In welcher Weise lässt sich in den annähernd 50 Schaffensjahren eine Entwicklung ausmachen, ein verändertes Choralverständnis gar? Lieder der Reformationszeit im Frühwerk versus Eigenvertonungen in den 1730er Jahren? Wie lassen sich die späten Luther-Vertonungen in den Orgelchorälen des „Dritten Theils der Clavier-Übung“ und in den „Canonischen Veränderungen“ über Vom Himmel hoch bewerten? Der Vortrag möchte einige Fragen aufgreifen, die bereits lange diskutiert werden.
Nach Studien in Göttingen und Wien wurde Dr. Christine Blanken über „Franz Schuberts Oratorium Lazarus und das Wiener Oratorium zu Beginn des 19. Jahrhunderts“ an der Universität Göttingen promoviert. Von 1999–2005 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am J.-S.-Bach-Institut Göttingen tätig und 2005–2011 im Forschungsprojekt „Bach-Repertorium“ (Sächsische Akademie der Wissenschaften) am Bach-Archiv Leipzig, wo sie die 2bändige Edition „Die Bach-Quellen in Wien und Alt-Österreich“ sowie Editionen von Werken C. P. E. Bachs für die Gesamtausgabe vorgelegt hat (Magnificat, Bürgercapitains-Musiken). Seit 2011 ist sie in leitender Funktion in der Forschungsabteilung des Bach-Archivs tätig. Derzeit betreut sie mehrere Editionsprojekte sowie das bekannte Online-Portal „Bach digital“ sowie widmet sich Forschungen zur Orgelmusik Bachs und zu Bachs Textdichtern. 2022 publizierte sie gemeinsam mit Christoph Wolff und Peter Wollny das neue „Bach-Werke-Verzeichnis“ (BWV3). Seit 2023 ist die gesamte Forschungsabteilung des Bach-Archivs in Kooperation mit der Sächsischen Akademie der Wissenschaften am Langzeitvorhaben „Forschungsportal BACH“ beteiligt. Im Nebenberuf ist sie in Leipzig als Kirchenmusikerin an St. Laurentius Leutzsch tätig.

Gespräch mit der Komponistin Professorin Dr. Larisa Vrhunc
Larisa Vrhunc ist eine slowenische Komponistin und ordentliche Professorin für Musiktheorie am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Ljubljana, wo sie auch die Komponistenworkshops für das Slowind Festival und seit 2019 für dessen Nachfolger, das Forum für Neue Musik Ljubljana, leitet. Außerdem kuratiert und organisiert sie jedes Jahr das Festival des Forums. Ihre Musik wurde von Ensembles wie dem Slowind Quintet, dem Ensemble Contrechamps, dem Klangforum Wien, dem ensemble mosaik und dem Kairos Quartett bei internationalen Festivals wie dem Slowind Festival, dem Warschauer Herbst, den Klangspuren Schwaz, Musiques en scène Lyon, dem Suntory Summer Festival und Ultraschall Berlin aufgeführt. Sie studierte Musikpädagogik und Komposition an der Musikakademie Ljubljana sowie Komposition in Genf. Ihr Aufbaustudium bei Gilbert Amy in Lyon schloss sie 1999 ab. Außerdem besitzt sie einen Doktortitel in Musikwissenschaft.

Datum:
5. Juni 2026
Wissenschaftliche Leitung:
Privatdozentin Dr. Simone Heilgendorff (Greifswald) in Kooperation mit der Greifswalder Bachwoche und dem Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald
Tagungsbüro:
Tobias Surborg M.A.
Telefon +49 3834 420-5015
tobias.surborgwiko-greifswaldde
Veranstaltungsort:
Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald
Martin-Luther-Straße 14
17489 Greifswald