
Dr. Annelie Bachmaier
Junior-Fellow, Oktober 2026 bis September 2027
Technische Universität Dresden
- Bachelorstudium der Russistik, Polonistik und Vergleichenden Kulturwissenschaften in Regensburg; Masterstudium (Elitestudiengang) Osteuropastudien in Regensburg und München (2007–2012)
- Promotion an der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien (DFG, Exzellenzinitative), Regensburg und München; Dissertation im Fach Slavistik (2012–2019)
- Postdoc am Institut für Slavistik der TU Dresden, Habilitationsprojekt in der Slavistik/Jiddistik (2019–2026)
Fellow-Projekt: „Das Fach Slavistik im Verhältnis zu politischen Zäsuren (1925–2025)“
Tandemprojekt gemeinsam mit Privatdozentin Dr. Tatjana Hofmann
Seit dem Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine sind die Slavistik und ihre Expertise in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, gleichzeitig jedoch befindet sich das Fach seitdem in einer Krise, in der lange gültige Grundsätze und Perspektiven hinterfragt und neu gedacht werden. Wir gehen von der These aus, dass die Gründe für die derzeitige Situation der Disziplin in der traditionellen Dominanz der Russistik liegen, verbunden mit einer unzureichenden Reflexion sowohl über die hegemoniale Rolle Russlands einerseits als auch über eine oft unbewusste Fortschreibung kolonialer Denkmuster gegenüber Mittel- und Osteuropa im Westen andererseits.
Ausgehend von dieser aktuellen Diskussion zielt unser Projekt darauf ab, eine kritische Geschichte der Slavistik in Westeuropa zu verfassen, die die Entwicklung der Forschungs- und Lehrpraktiken des Fachs in Relation zu den wichtigsten politischen Zäsuren der letzten 100 Jahre untersucht, insbesondere dem Zweiten Weltkrieg, dem Kalten Krieg, dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem russischen Krieg gegen die Ukraine. Um die Verflechtungen zwischen Slavistik und (inter-)nationaler Politik zu verstehen, konzentriert sich unsere Analyse auf die Frage, wie sich sowohl koloniales Denken als auch postkoloniale Theorie in der Arbeit von Wissenschaftler:innen und Institutionen widerspiegeln. Das übergeordnete Ziel der Studie ist es, eine selbstreflexive Wende in der Slavistik anzustoßen, die dazu beiträgt, die Disziplin zu stärken und zu diversifizieren und damit ihre Relevanz in akademischen und nicht-akademischen Kontexten zu festigen.
Wir verfolgen einen interdisziplinären, methodenübergreifenden Ansatz zur Wissensgeschichte, der verschiedene Faktoren epistemischer Praktiken in akademischen „Arbeitswelten“ berücksichtigt: Im Rahmen der Diskursanalyse werden qualitative Interviews mit Slavist:innen mit Textanalysen und Archivforschung an ausgewählten Instituten für Slavistik trianguliert, welche als Fallstudien dienen werden. Das Gesamtprojekt, das aus etwa 20 Fallstudien besteht, ist auf eine Laufzeit von vier Jahren ausgelegt. Während unseres einjährigen Alfried-Krupp-Stipendiums führen wir ein klar definiertes Teilprojekt auf der Grundlage von vier Fallstudien durch, das die Grundlage für das Gesamtprojekt bildet.