Privatdozent Dr. Rainer Erices

Senior-Fellow, Oktober 2026 bis September 2027
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

 

Fellow-Projekt: „Vom Vorzeigemodell zum Systembruch: Transformation des ambulanten DDR-Gesundheitswesens 1990–1995 im Ostseeraum“

Das Gesundheitswesen der DDR wird in der öffentlichen Erinnerungskultur vielfach positiv bewertet. Insbesondere die Polikliniken wurden zu einem zentralen Symbol für eine flächendeckende und integrativ organisierte Versorgung, die zugleich mit umfassender Prävention und Gesundheitsüberwachung verbunden war. Gleichwohl war das System in den 1980er Jahren strukturell überlastet und ökonomisch nicht mehr tragfähig. Mit der Deutschen Einheit erfolgte eine vollständige Umstellung auf das westdeutsche Modell niedergelassener Praxen, was zu einem abrupten institutionellen Bruch führte. Dieser Bruch, der retrospektiv als Zäsur in der deutschen Gesundheitsgeschichte erscheint, bildet den Ausgangspunkt des Projekts.
Das Vorhaben untersucht die Transformation des ambulanten Gesundheitswesens zwischen 1990 und 1995 am Beispiel einer ländlich geprägten Region im Ostseeraum. Es verknüpft eine medizinhistorische Analyse mit einer kritischen Bewertung der gesundheitspolitischen Integrationsprozesse nach 1990. Im Mittelpunkt stehen die politischen Handlungsspielräume, die Konfliktlagen vor Ort sowie die langfristigen strukturellen Folgen für die Versorgung. Ziel ist es, die Transformation des DDR-Gesundheitswesens nicht nur als regionales Phänomen, sondern als exemplarischen Fall deutscher Vereinigungspolitik zu analysieren.
Die Untersuchung basiert auf einer Auswertung von Archivbeständen auf Bundes- und Landesebene, regionalen Verwaltungsquellen, zeitgenössischen Medien sowie quantitativen Daten zur Versorgungslage. Die Ergebnisse werden in wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Damit leistet das Projekt einen doppelten Beitrag: zur kritischen Aufarbeitung der deutschen Vereinigungsgeschichte und zur Reflexion gegenwärtiger gesundheitspolitischer Reformfragen, insbesondere im Hinblick auf Versorgungsgerechtigkeit, Fachkräftemangel und regionale Ungleichheiten.