
Dr. Annika Hildebrandt
Junior-Fellow, Oktober 2026 bis September 2027
Universität Bonn
- Seit 2021: wissenschaftliche Mitarbeiterin (Postdoc) am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
- 2025: Gastprofessorin für Neuere deutsche Literatur (Schwerpunkt 17./18. Jahrhundert) am Institut für Germanistik der Universität Wien
- 2017: Promotion im Fach Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit zum Thema „Die Mobilisierung der Poesie. Literatur und Krieg um 1750“
Fellow-Projekt: „Dekadenz und Realismus Polemische Relationen in der deutschen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts“
Ausgehend von der aktuellen Wiederkehr kulturkritischer Verfallsdiskurse untersucht mein Fellow-Projekt die Gebrauchsgeschichte, die geschichtstheoretische Konzepte von Niedergang, Verfall und Dekadenz in der deutschen Literatur vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart besitzen. Der Fokus liegt auf literarischen Gegenprogrammen zu behaupteten Dekadenzerscheinungen, die in diesem Zeitraum wiederholt im Kontext politischer Konkurrenzen formuliert wurden. Gegen die postulierte Dekadenz der Gegner, etwa des Bürgertums, des Kapitalismus oder liberaler Eliten, entwarfen literarische Akteur:innen in Sozialismus, Faschismus und Neuer Rechter eigene Literaturprogramme, die (Wieder-)Aufstieg versprachen. Am Ausgangspunkt des Projekts steht die Beobachtung, dass unter verschiedenen Vorzeichen immer wieder realistische Schreibweisen zur Grundlage einer antidekadenten Literatur erklärt wurden, die direkte Wirklichkeitsbezüge gegen eine angeblich entfremdete, elitäre Kunst ausspielte.
Das Projekt zielt darauf, Kontinuitäten und Transformationen der polemischen Relation von Dekadenz und Realismus in der deutschen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts zu verfolgen und politisierte Argumentationsmuster freizulegen, die bis in gegenwärtige Debatten hineinwirken. Ein erster Fokus liegt auf der Poetologie und Praxeologie des Sozialistischen Realismus und eröffnet neue Forschungsansätze zu Hermann Kants Roman Die Aula (1965), der an der Universität Greifswald spielt. Ein zweiter Schwerpunkt gilt Realismuskonzepten neurechter Literatur im Spannungsfeld von Popliteratur und Populismus. Damit verstärkt das Projekt die einschlägige Forschung der Greifswalder Germanistik zur deutschen Gegenwarts- und Popliteratur.