Beginn der großen Transformation und Ruhe vor dem Sturm
Professor Dr. Frank Uekötter (Ruhr-Universität Bochum, Historisches Institut)
Das 19. Jahrhundert war eine Zeit rasanten Wandels, und niemand konnte sicher sein, wohin dieser Wandel führen würde. Der Vortrag zeichnet mit Blick auf Deutschland Konturen einer Zeit umwelthistorischer Umbrüche: Veränderungen von Landwirtschaft und Landschaften, zunehmende Nutzung fossiler Brennstoffe, Wachstum der Großstädte mit neuartigen Herausforderungen, all dies begleitet von intensiven wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatten. Dabei wird deutlich, wie sehr sich die aus heutiger Sicht zentralen Entwicklungen von damaligen Perspektiven und Kenntnissen unterscheiden. Das 19. Jahrhundert wirkt heute gleichermaßen vertraut und unendlich weit entfernt.
Frank Uekötter ist seit 2023 Professor für Technik- und Umweltgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Er war einer der Gründerväter des “Rachel Carson Centers for Environment and Society” in München und lehrte von 2013 bis 2023 an der University of Birmingham in Großbritannien. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichung zum breiten Spektrum ökologischer Herausforderungen und leitet seit 2012 ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Weltgeschichte der Monokultur. 2020 erschien seine Umweltgeschichte der modernen Welt unter dem Titel „Im Strudel“ (Campus 2020).
Bewegungsenergie – Ökologische Mobilisierung und soziale Mobilität zwischen Dorfgeschichte und realistischem Roman
Dr. habil. Solvejg Nitzke (Ruhr-Universität Bochum, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Im 19. Jahrhundert bildet sich mit der Dorfgeschichte eine literarische Form, die den Anspruch verfolgt, zugleich Wissen zu vermitteln und Zusammenhalt zu erzeugen. Während das Programm des poetischen Realismus Wirklichkeit in Form bringt, geht es hier darum, ‚echte‘ Lebensweisen zu zeigen. Zusammen mit den diversen Formen, die in ihrem direkten Umfeld, z.T. in derselben Zeitschrift, erscheinen, erzeugen diese Texte eine Bewegungsenergie, die Zusammenhänge zwischen Text und Welt plausibel macht, die sich auch heute noch beobachten lassen. Zwischen Bergwiesen und Kurorten, Umweltzerstörung und Landflucht werden so narrative Linien sichtbar, denen der Vortrag folgen will.
Solvejg Nitzke ist habilitierte Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Nach Stationen in Charlottesville, Wien und Dresden vertritt sie seit Sommersemester 2024 die Professur für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Wissensproduktion und Ökologieforschung und umfassen u.a. Katastrophen, Klima, Dorfgeschichten und Literary and Cultural Plant Studies. Zuletzt erschienen sind: „Farne. Ein Portrait“ (Matthes und Seitz 2024) und „Fremde Verwandtschaft. Eine Kulturpoetik der Bäume“ (Wallstein 2025).
Podium: Privatdozentin Dr. Stephanie Großmann (Passau), Dr. habil. Solvejg Nitzke (Bochum), Privatdozent Dr. Falko Schnicke (Linz), Professor Dr. Frank Uekötter (Bochum)
